Die Langdistanz in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt

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Die Langdistanz in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt

Athletengeschichten: Matthias Müller – ” Insgeheim hoffe ich mir noch einen neuen Traum zu erfüllen”

Posted on: Sonntag 26th Februar 2017

Seit vier Jahren lebt Matthias mit MS. Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nach einer ersten Schrecksekunde nach der Diagnose wollte er dennoch nicht den Kopf in den Sand stecken. Vor allem den Spaß am Sport wollte er sich so lange wie möglich behalten. Vier Mal war er seither in Roth am Start. Auch in diesem Jahr ist er wieder für Roth gemeldet. Sein großer Traum: einige Wochen nach Roth auch in Regensburg über die Ziellinie zu laufen.

Hallo Matthias, warst Du vor deiner MS Diagnose schon sportlich aktiv?

Das ist Ansichtssache. Gelaufen bin ich von  2000 bis 2007. Dabei habe ich diverse Marathons gefinisht (PB 3.09 Std.) und  den langen Kanten gemacht (Rennsteigultra).

Matthias Müller, einmaligVon 1981 bis kurz vor meiner MS-Diagnose war ich als ambitionierter Hobbysportler beim Schach aktiv. Hier durfte ich, wesentlich talentierter als im Triathlon,  schöne Turniersiege und Erfolge feiern (u.a.  den Titel Fidemeister (FM) aufgrund von Siegen gegen Großmeister). So freudvoll mancher Erfolg sich besonders in unserem heimischen Team feiern ließ, so arg nervten manche Niederlagen noch wochenlang. Ein wichtiges 6-stündiges Turnierspiel mit tickender Uhr und dem Bewusstsein, dass ein einziger Fehler alles verderben kann, war für mich ähnlich anstrengend wie ein 35 Kilometer-Lauf mit Endbeschleunigung (auch wenn ich voll verstehe, dass dies ein Außenstehender schlecht nachempfinden kann).

Wie bist Du zum Triathlon gekommen? 

Wir wollten im Urlaub die Landesgartenschau in Roth besuchen und kamen so unverhofft, fast zeitgleich zum legendären Zielsprint von Lothar Leder und Chris McCormack, als Zuschauer zur wohl geilsten Triathlonparty der Welt. Ich fand es absolut verrückt mit welcher Ruhe, gleichzeitig aber auch spannungsgeladenen Intensität sich die Altersklassenathleten am Ende des eh schon langen Tages auf den Marathon vorbereiteten. Total verrückt, dadurch allerdings irgendwie auch äußerst reizvoll.

Warum hast Du Dich für eine Teilnahme beim CHALLENGEREGENSBURG 2017 entschlossen?

Ich wollte mir etwas den Druck von Roth nehmen, falls kurzfristig etwas schief gehen sollte. Insgeheim hoffe ich mir vielleicht noch einen neuen Traum zu erfüllen: mit MS zwei Langdistanzen in fünf Wochen. Regensburg hat sich letztes Jahr, weitergetragen von einigen meiner Bekannten, einen sehr guten Ruf verdient. Nach sehr freundlichen Sondierungsgesprächen mit dem Orgateam und Ablaufanalysen bin ich guter Hoffnung, ein für mich sehr wichtiges weitgehend stressfreies Umfeld und eine familiäre Stimmung erleben zu dürfen. Ich freue mich jetzt sehr.

Was sind Deine Ziele für das Rennen am 13. August?

Spaß haben ohne jeglichen Zwang, Motto: „Wer nicht schnell kann, sollte lange wollen“

Was fasziniert Dich an der Sportart Triathlon?

Hinterher bin ich zu 99% immer besser drauf. Besonders beim MTB-Radeln oder Laufen kann ich in herrlicher Natur so wunderbar abschalten.

Was war Dein besonderstes Triathlon-Erlebnis?

Das Dämlichste war wohl noch als reiner Läufer einfach mal ausprobieren zu wollen, ob ich auch 3,8 Kilometer Schwimmen durchhalten könnte.  Am Ende war ich  völlig platt, da ich zuvor bestenfalls 25 Meter Kraulen am Stück gewohnt war und mich fast zwei Stunden lang einfach immer nur intervallmäßig zum nächsten Beckenrand rettete.

Matthias Müller, einmaligDas Spannendste war der Gewitterlauf vor einigen Jahren in Roth, als teilweise die Zeitmessmatten abgeschaltet wurden, die super Helfer aber trotz heftigen Blitz und Donners nicht flohen, sondern uns weiter liebevoll unterstützen. Dies war dann auch meine erste schnellere zweite Marathonhälfte.

Das Freudvollste war mein erstes Finish rund sieben Monate nach meinem MS-Zusammenbruch. Ich war zwar nie so langsam, aber auch nie so entspannt, genoss jeden Moment, wurde am Solarer Berg voll mit Glücksgefühlen sentimental und entdeckte einen neuen Jungbrunnen.

Seit vier Jahren lebst du mit der Diagnose MS. Was hat sich seither in deinem Alltag, aber auch in deinem Sportler-Leben verändert?

Man weiß nie, für was etwas gut ist. Die ersten Wochen und Monate war der Gedanke an einen bald drohenden Rollstuhl, Sportende oder Pflegefall immer wieder belastend. Ich musste entscheiden, ob ich mich, wie eigentlich der Mehrheit empfohlen wird, spritzen sollte. Ich wollte mich aber nicht passiv einem Medikament mit teils arg unangenehmen Nebenwirkungen ausliefern, sondern selbst aktiv sein.
Ich war sehr froh, dass ich bereits vorher aus dem Forum bei triathlon-szene.de eine lebenslustige, weiterhin sportlich aktive Frau mit MS kannte. Ich konnte damals mit der unheilbaren MS wenig anfangen, hatte so aber von Anfang an Hoffnung. Ich schrieb meinen Forumsbekannten noch im Krankenhaus am Tropf hängend, ob sie Langdistanztriathleten mit MS kennen. Roth wollte ich nicht zu schnell aufgeben. Die Reaktionen waren super aufbauend, ich bekam bzw. bekomme bis heute in meinem Blog viel Zuspruch, Aufmunterung und durfte auch andere aktive Sportler oder Sportlerinnen mit MS kennenlernen. Mittlerweile habe ich mit MS je vier Mal  Heilbronn und Roth gefinisht, dazu drei Marathons, einen blutigen 52 Kilometer-Lauf/Marsch quer durch das Karwendelgebirge und einiges mehr.

Insgesamt finishte ich in neun Jahren u.a. zweimal Frankfurt und siebenmal Roth.

Viel wichtiger sind mir allerdings das Träumen von einem verlockenden Ziel, die mentale Ablenkung und der Spaß auf dem Weg dahin.

Ich sehe die MS nicht als einen zu bekämpfenden Bösewicht, sondern betrachte sie als lebenslange Schicksalsgemeinschaft, als einen Teil von mir. Sie hat es mit mir querdenkenden Sportverliebten  auch nicht leicht. Machen wir das Beste daraus.

Wie wirkt sich MS aus, was droht im Ernstfall und wie gest du damit um?

Letztlich ist alles relativ, mir geht es aktuell beispielsweise super gut. Genauso, wie ich mich heute auch wirklich fühle, schrieb damals eine Betroffene in einem MS-Forum. Am Ende kam heraus, dass sie im Rollstuhl sitzend sich als gut verlaufenden Fall sieht, weil sie in vieler Hinsicht noch selbstständig ist.

Da musste ich schon schlucken. Aber es gibt auch viele lange äußerlich unbemerkt verlaufende Fälle und letztlich kann nicht mal ein Kerngesunder sagen, was morgen ist.

Matthias Müller, einmalig

Ich musste zwar erst wieder beschwerdefrei laufen lernen, ohne dauerhaft die Muskeln anzuspannen, was sich anfangs monatelang in Achillessehnenproblemen  äußerte, aber irgendwann klappte es wieder mit der nötigen Lockerheit. Ein etwas lauteres Patschen mit dem rechten Fuß ist kein echtes Problem, eine Rollwende klappt zwar nicht wegen Schwindel und Übelkeit, aber die konnte ich vorher auch nicht, das Kurvenfahren funktioniert nur bedächtig, insgesamt sind aber lediglich die Nerven bei weitem nicht mehr so gut wie früher, der Rest passt.

Matthias Müller, einmaligMeine wichtigsten Säulen, um mich von der MS nicht unterkriegen zu lassen, sind Sport mit Spaß, eine angepasste Ernährung, Vitamin D, eine Entschleunigung (soweit es halt meine Pflichten erlauben) sowie der aufbauende Zuspruch durch Familie und meine Blogleser und –leserinnen.

Dies hilft mir unheimlich viel.

Ich darf mich lediglich nicht überlastet fühlen und benötige im Gegensatz zu meinen 12 Jahren unbändiger Jugend mit 35 jetzt meine Pausen, in denen ich mich innerlich wirklich zurückziehen kann, ansonsten fühle ich mich gar nicht eingeschränkt.

Auf was freust Du Dich am Renntag ganz besonders, und auf was legst Du Wert bei einem Rennen?

Ich freue mich, wie nach jedem Training, auf den Kuchen im Ziel, meine mich liebevoll und tatkräftig unterstützende Frau und meine Familie als Burg der Zuversicht.

Wichtig ist mir eine harmonische Stimmung ohne unnötige Hektik, Freunde zu treffen, aus jeder lieben Begegnung oder Anfeuerung neue wertvolle Energie zu saugen, dabei mit Spaß sportlich unterwegs zu sein und vor allem den Augenblick des „Ich darf noch, ich kann noch“ zu genießen.

 Zu Matthias’ Thread auf triathlon-szene.de.

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