Die Langdistanz in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt

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Die Langdistanz in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt

Athleteninterview: Markus Kratzer – Aus dem Rollstuhl an die Ziellinie

Posted on: Sonntag 12th Februar 2017

Markus Kratzer ist Familienvater, berufstätig, begeisterter Triathlet. Was ganz normal klingt ist für den 44-jährigen alles andere als selbstverständlich. 2006 hatte der Hobbysportler einen schweren Radunfall. Auf einer seiner Trainingsfahrten übersah ihn ein Autofahrer. 13 Monate befand er sich daraufhin im Krankenstand.“Inkomplette Querschnittslähmung“, so die Diagnose. Es folgten vier  Wirbelsäulen-OPs und ein langer Weg auf dem er Sitzen, Stehen und Gehen neu lernen musste.

Doch Markus Kratzer gab nicht auf. 2009 lief er das erste Mal wieder über die Ziellinie bei einem Langdistanzrennen. Bis heute ist Triathlon für ihn „viel mehr“ als nur Sport. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Hallo Herr Kratzer,

wie sah ihre letzte Trainingseinheit aus?

Bei Schnee und abendlicher Kälte ging es vor der Haustür mit einem 45 minütigen Lauf los, dann folgten 1:15 eine stramme Schneeschuhwanderung mit Rucksack-Zusatzgewicht und anschließend eine Stunde Video-Spinning in meinem „Sportkeller“. Drei Stunden Ausdauer und es wird nicht langweilig…

Was bedeutet das Training heute für sie, im Unterschied zu der Zeit vor ihrem Unfall?

Ich beherzige noch mehr als früher das Motto: „Sport ist das Sammeln von Emotionen“. Das jeweilige Training ist für mich fast genauso viel wert wie der Renntag.

Nur drei Jahre nach dem Unfall überquerten sie schon wieder die Ziellinie eines Langdistanz-Triathlons. Was waren die schönsten Momente, an die sie sich erinnern?

Markus Kratzer
Markus Kratzers Rad nach dem Unfall.

Am Tag vor dem Rennen in dem bike-park zu stehen. Monatelang habe ich für diesen Moment gekämpft. Ich hatte Tränen in den Augen…und ich wusste in diesem Moment: Schwimmen no problem, 180 Kilometer Radfahren no problem, aber ob mein Rücken den Marathon verkraften würde – das war ein sehr großes Fragezeichen. Im Training hatte er nie mehr als 25 Kilometer ausgehalten.
Als dann bei Kilometer 28 mein Rücken ordentlich rebellierte, hat unser Sohn Johannes (damals vier Jahre alt) mit seiner Kindertrommel mich wieder in den Lauf-Modus „gepeitscht“. Außerdem hat mich mein Triathlon-Kumpan Franz E. hat auf der gesamten Laufstrecke gecoacht. UNBEZAHLBAR! Mein noch sehr sportiver Vater stand bei Kilometer 35 und sah mir mit erfahrenem Blick in die Augen. In Jeans und Turnschuhen war er in meinem Unterstützerteam eigentlich zum Zusehen gekommen. Spontan hat er mich dann fünf Kilometer begleitet. Auf den letzten Metern haben mich unsere Kinder Luzia und Johannes begleitet. Dieses Erlebnis war ein emotionaler Knaller!

Das Ziel zu erreichen. Für sie ein noch viel schwieriger Weg, als er normalerweise sowieso schon ist. Wie haben sie es geschafft, sich durch die schweren Zeiten zu kämpfen?

Markus-KratzerDiese Frage kurz und knapp zu beantworten ist unmöglich, aber ich beginne damit: Gelegentlich halte ich über meinen Genesungsprozess Vorträge, um Menschen Mut zu machen. Immerhin war ich mit der Diagnose schweres Polytrauma, inkompletter Querschnitt, konfrontiert. Mit der ärztlichen Versorgung und den vier Wirbelsäulen-Operationen war ich im Zentralklinikum Augsburg in besten Händen. In den ersten Monaten war dennoch nicht an Sport zu denken. Im Gegenteil: Nach wochenlangem Zwangs-Aufenthalt im Bett war ich dankbar für die ersten Ausfahrten im Rollstuhl.

Meine Familie und Freunde haben mich grandios unterstützt. In meiner „Boxengasse“ haben  Physiotherapeuten, Osteopathen, Heilpraktiker, Ärzte, Schmerztherapeuten, Mentaltrainer, Psychologen… und Sportkameraden mit mir geschuftet.

Ich hatte bereits vor dem Unfall Fortbildungen im Bereich  Neuro-Linguistisches-Programmieren absolviert. Dieses Mentaltraining spielte für mich dann eine enorme Rolle. Den Fokus immer und immer wieder auf die „erfolgreichen Teil-Etappen“ zu legen und eben wenig  darüber zu lamentieren war früher war. Ich weiß noch ganz  genau wie viele unzählige Einheiten Aqua-Jogging notwendig waren. Nein, das war nicht sexy, aber für  meinen  Körper war es sinnvoll und notwendig!

Visualisierung war und ist für mich ein emotionaler Knaller, der mich auch an schlechten Tagen angetrieben hat: Ich hatte bereits ein Finisher-Foto vom Ironman Zürich gemeinsam mit unserer Tochter Luzia. Dieses Foto war bei jeder einzelnen Reha-Einheit dabei. Und ich wollte unbedingt auch unserem Sohn Johannes einen Langstrecken-Zieleinlauf ermöglichen – nach dem Motto: Gleiches Recht für alle. Dieses Foto, mit beiden Kindern, hängt jetzt bei uns in der Küche.

Mir haben zwei Fragen beim Genesungs-Projekt  entscheidend geholfen: WER tut mir gut? WAS tut mir gut?

0106Sich für ein zeitraubendes Training zu motivieren ist nicht immer leicht. Fast ein Jahr lang auf vieles zu verzichten, nur auf den einen Tag hinzufiebern manchmal sogar eine Belastung für den Sportler, seine Familie und Freundes- und Bekanntenkreis. Hat ihr Unfall die Sicht auf Sport und Alltag verändert?

Ich bin grundsätzlich sehr dankbar, dass ich dieses Hobby und Skifahren wieder betreiben darf und kann.

Im letzten Jahr waren sie bei der Challenge Regensburg als Staffelschwimmer am Start. Was hat ihnen besonders gefallen? Werden sie auch dieses Jahr vor Ort sein?

Die Schwimmstrecke hat mir sehr gut gefallen. Beim Landgang hatte ich zwar wacklige Beine, aber es war ein tolles Gefühl. Der Zieleinlauf in der Stadtmitte gleich neben dem Dom  war grandios!

2017 passt die Challenge leider nicht in die Familienurlaubsplanung, aber für 2018 kann ich mir das sehr gut vorstellen. Unsere kleine Tochter ist jetzt 4 – gleiches Recht für alle!?

 

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